Leseprobe Joachim Frank

Aus der Anthologie “Nehmt mich beim Wort”
erschienen 2003 im Bertelsmann Verlag


Flüchtige Begegnung

Der junge Mann ließ die Zeitung sinken. Gierig hatte er den Bericht über seine am gestrigen Sonnabend nach spannendem Spiel und hartem Kampf siegreiche Fußball-Mannschaft gelesen, hatte aufmerksam die Tabelle studiert und die Chancen seines Vereins für die laufende Saison abgewogen. Schnell waren dann die übrigen Sportberichte überflogen worden, und jetzt blickte er über das leicht gewellte Wasser des Sees, den ein strahlend heller Himmel überwölbte. Herrlich war es, so im Urlaub in der zwar noch frischen Frühjahrsluft, aber schon von Sonnenstrahlen gewärmt auf der Terrasse dieses  beschaulichen Cafés zu sitzen. Jetzt erreichte ihn auch wieder das fröhliche Geplauder der anderen Gäste, das milde oder auch eindringlichere Ermahnen von Eltern an ihre herumtollenden Kinder, das erwartungsvolle Abwägen junger Leute zwischen den Angeboten auf der Speisekarte und auch das kleinliche Gezänk nebenan. Sein Blick glitt über Gäste und Tische, weit über den See, bis hinüber zu den schneebedeckten Bergen, die das Panorama vollendeten und seine Gedanken wieder fort trugen.

Ob er noch etwas haben wolle, wiederholte die Bedienung ihre Frage in einem nun doch ganz leicht gereizten, etwas lauteren Tonfall. Und mit seinem: „Ja, dann bringen Sie mir doch bitte noch einen Cappuccino,“ fand der junge Mann erneut zurück in das Hier und Jetzt. Er blickte umher. Nicht weit entfernt saß händchenhaltend ein ganz junges, sehr verliebtes Pärchen, dessen Flüstern einen eigenen Raum um beide geschaffen zu haben schien. Dagegen stopfte ein Paar unweit davon auf eine Art schweigend Torte in sich hinein, die keinen Zweifel ließ, dass zwischen ihnen schon lange alles gesagt worden war. Er drehte seinen Sessel ein wenig, um sich direkter von der Sonne bescheinen lassen zu können. Dabei bemerkte er beiläufig eine Gruppe von vier Personen, vermutlich eine Familie, die aus Italien oder Spanien stammen mochte. Die Eltern waren sehr dezent und geschmackvoll gekleidet, ein vielleicht sechzehnjähriger Junge langweilte sich sichtbar in ihrer und der Gesellschaft der Schwester, die gerade in diesem Moment, als er seine Augen schließen und sich wieder genüsslich zurück lehnen wollte, ihren Stuhl aus der sie blendenden Sonne rückte und erst dadurch in sein Blickfeld geriet.

Atemlose Sekunden!

Der edle Schnitt ihres Gesichts, die ein wenig oliv getönte Haut und ihr pechschwarzes, glatt zurück gekämmtes Haar, das in der Sonne glänzte, trafen so ganz seinen Geschmack. Als sie jetzt zur Seite blickte, bemerkte er die leichte Krümmung ihrer Nase. Auch das gefiel ihm wunderbar. Und in ihren Ohrläppchen steckten weiße Perlen. Er schaute weg und wieder hin, und nochmals durchfuhr es ihn. Aber wie war es möglich, fragte er sich, dass diese Schönheit, sie mochte in seinem Alter sein, so gleichmütig, so gar nicht kokett und ohne jedes Anzeichen davon, bemerkt werden zu wollen, einfach so im Kreis der Familie dasaß? Man plauderte fröhlich angeregt, und das Lächeln zauberte noch einen besonderen Glanz auf ihr Gesicht. Und als sie eine Haarsträhne zur Seite strich, bemerkte er auch ihre schöne lange Hand mit dem schmalen Ring, der einen kleinen schwarzen Stein umfasste. Der junge Mann nippte zunächst ein wenig von der Sahne seines eben servierten Cappuccinos, verbrannte sich dann aber doch die Zungenspitze an dem zu heißen Kaffee unter dieser trügerisch kühlen Haube.

Aber er konnte den Blick nicht mehr von ihr wenden, und als sie dann doch endlich einmal in die Runde der übrigen Gäste sah, trafen sich ihre Blicke für einen Moment. Feuer und Fieber rasselten durch seine Adern. Beim zweiten Mal hielt sie seinem Blick eine Ewigkeit stand, so jedenfalls schien es ihm, bis sie sich in großer Ruhe und mit unverändertem Gesichtsausdruck wieder dem gerade sprechenden Vater zuwandte. Der junge Mann fuchtelte nun nervös mit der Zeitung herum, aber ans Lesen war ja nicht mehr zu denken. Was sollte, was konnte er tun? Tausend Möglichkeiten schwirrten durch seinen Kopf, eine so aussichtslos wie die nächste absurd.

Und die Zeit verstrich.

Ganz deutlich vernahm er nun, wie der Vater die Rechnung bestellte. Aber bis die dann kam, hatten sich ihre Blicke noch einige Male getroffen. Zuerst wie zufällig und flüchtig, aber dann doch zu oft, um noch zufällig sein zu können. Was sagte ihr Blick? Er konnte in ihren Augen nicht recht lesen, hoffte auf ein Zeichen, irgendeine Art von Erwiderung. Aber ihr Ausdruck blieb sanft und gleichmütig, nicht gleichgültig, nein, so konnte man das nicht sagen, aber doch auf eine ihm unbekannte Art fern. Und gleich würde die Rechnung gezahlt sein.

Die Familie erhob sich dann. Der Vater verstaute seine Brieftasche und legte seiner Frau liebevoll und routiniert eine elegante Stola um ihre immer noch jugendlichen Schultern, der Junge rückte seine Baseballmütze so zurecht, als wollte er ausdrücken:
„Das wäre geschafft!“

Und zuletzt erhob sie sich und sah ihn dabei so an, dass seine Welt stehen blieb.

Dann setzte sie, ihm immer noch direkt in die Augen sehend, den rechten Fuß nach vorn, tat den ersten Schritt zum Ausgang des Lokals und - sah er richtig? - knickte ein! Sie knickte bei diesem Schritt und bei jedem Schritt mit dem rechten Bein in der Hüfte ein! Irgendein schwerer Rückgratschaden, ein zu kurzes Bein oder eine Verkrümmung welcher Art auch immer ließ sie jeden zweiten Schritt in der Hüfte einknicken! Wie mit einem Schwung, mit einer fast übertriebenen Drehbewegung musste dann die Hüfte mit Hilfe des ganzen Körpers nach vorn geschoben werden und ein Schaukeln entstand, ein Auf und Ab, ein ungelenkes Staksen durch die Reihen der Stühle und Tische, hin zu ihm, jedenfalls in seine Richtung.

Er blickte starr auf das Mädchen, sah ihm in die Augen, die noch einen Moment lang so wissend in den seinen ruhten. Doch lange, bevor sie seinen Tisch erreichte, hatte er seinen Blick gesenkt.

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